... vo Dir, de Pilger und de Kranke

Alle Welt redet von Gesundheit, aber keiner weiss eigentlich so genau, was das ist. Was Krankheiten sind, das weiss man einigermassen - aber was ist denn eigentlich Gesundheit? Lassen Sie mich versuchen, Ihnen einige Definitionen zu geben:

Gesundheit gilt wie alles heute als machbar, wieder herstellbar. Dafür muss etwas getan werden. So rennen die Leute durch die Wälder, essen Körner oder noch Schlimmeres und sterben dann doch. So entwickelte sich in den letzten Jahren so etwas wie ein Gesundheitswahn. Jung, fit, schlank, dynamisch, schön, makellos… sind heute Attribute die wesentlich, ja zentral sind. Viele möchten jung bleiben und tun vieles bis alles um nur nicht zu altern. Auf die Haut schmiert man allerlei Salben und Wässerchen, um deren Altern aufzuhalten. Wenn das nicht reicht, kann hier auch der plastische Chirurg noch etwas nachhelfen und so kann es dann aber schon einmal vorkommen, dass nichts mehr so richtig zusammenpassen will.

Fitness wird mit allen Mitteln angestrebt. Man joggt bis zur Erschöpfung, geht ins Fitnessstudio etc. - womit gar nichts gegen gesunde Bewegung gesagt sein soll. Schlanksein ist oberstes Ziel und so pendeln viele Menschen zwischen richtigen Fressattacken und Hungerkuren hin und her. Man versucht Idolen nachzueifern, die es auf die eine oder andere Art geschafft haben, ein Idealgewicht zu erreichen und die Umgebung damit zu beeindrucken. Beachten Sie z.B. wo Ihnen heute der Begriff "Sünde" am meisten begegnet? Meistens im Zusammenhang mit Ess- oder Diätfehlern, Süssigkeiten, üppigen Mahlzeiten: "Ich habe heute wieder etwas gesündigt".

Dynamisch sein ist in, verliert sich aber oft in Aktionismus. Immer hat man "Programm": der Arbeitstag ist vollgepackt mit Terminen, Sitzungen, Besprechungen etc. Wenn dann der erschöpfende Arbeitstag zu Ende ist, geht es weiter, dann kommen Partys, Tennis, Squash, Restaurants, Bars, Kino, Theater etc. - es muss doch etwas laufen. Frage: Wo bleibe ich, der Mensch, wo bleiben meine Bedürfnisse? Das geht sogar so weit, dass viele Menschen alle Anstrengungen und allen Stress gut ertragen, nur eines nicht mehr: Ruhe, Stille sie wird unerträglich.

So erfasst die "Gesundheits-Religion" oder der Gesundheitswahn wie ich es genannt habe irgendwie das ganze Leben. Es gibt Menschen, die leben eigentlich gar nicht mehr, die leben den ganzen langen Tag nur vorbeugend und sterben dann gesund. Aber auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot. So kann es auch vorkommen, dass Sie beim Anschauen einer Gesundheitssendung feststellen müssen, dass ihr ganzes Leben ein Irrtum war. Sie haben sich 50 Jahre gesundgefühlt und waren es gar nicht.

Was bis jetzt aber vielleicht etwas locker tönte hat sehr schwerwiegende ethische Konsequenzen. Wenn nämlich der gesunde, junge, fite, dynamische Mensch das absolut einzige und erstrebenswerte ist, dann wäre ja der Kranke, der Behinderte ein Mensch zweiter oder dritter Klasse. Hier stossen wir nun wirklich auf ein schwerwiegendes ethisches Problem. Behinderung kann aber auch mit einer besonderen Begabung verbunden sein, so hat Beethoven die bedeutendsten Symphonien geschrieben, als er schon taub war.

Viele Menschen blicken erst in der Krankheit zurück auf ihr bisheriges Leben, auf erfreuliche und schwierige Ereignisse und manchmal erscheint dann der Ausbruch dieser Krankheit wie ein wichtiger, längst fälliger Anlass, der plötzlich eine neue Lebensorientierung ermöglicht. Der bisherige Lebensstil muss geändert werden. Mancher Manager, der viele der oben beschriebenen Phasen in seinem Leben durchgemacht hat, hat erst in der Krankheit erkannt, dass sein bisheriges Streben, sein Stress nicht alles sein konnte und hat die längst fällige Kurskorrektur vorgenommen.

André Gide, ein berühmter französischer Schriftsteller, hat einmal gesagt: "Ich glaube, dass die Krankheiten Schlüssel sind, die uns gewisse Tore öffnen können. Ich glaube, es gibt gewisse Tore, die einzig die Krankheit öffnen kann." So können uns oft Krankheit und Leiden in unserem Leben etwas besonderes sagen und doch ist das Leiden eine menschliche Erfahrung, die alle Dimensionen des Menschseins berührt. Der Leib empfindet die Schmerzen, die Psyche steht unter besonderem Druck. Sozial ist der Leidende oft ausgeschlossen. Das spirituelle Leben leidet auch, weil uns auf unsere Fragen "warum?", "warum ich?" oft keine Antworten gegeben werden.

Lassen Sie mich nochmals zurückkehren zu meiner Aussage, dass heute jung, fit, dynamisch, gesund, schön etc. die wichtigsten Attribute sind. Dann wären doch wirklich die Gegenpole - alte, behinderte, kranke Menschen Menschen zweiter Klasse. Ich werde hier immer wieder an Papst Johannes Paul II erinnert, der in der letzten Phase seines Lebens so eindrücklich vorgelebt hat, was es heisst, vorbildlich mit Leiden, Krankheit und Behinderung zu leben. Er hat damit der ganzen Welt gezeigt, dass alt, behindert, krank wertvoll und ein Zeichen, eine Stärkung und Hilfe für Unzählige sein kann. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass die Menschen seine einmalige Botschaft verstanden haben.

Wir alle stehen in Lourdes in diesem besonderen Spannungsfeld von Leiden und Behinderung und unserem eigenen Unvermögen hier helfend einzugreifen. Oft lehren uns dabei aber unsere Kranken etwas ganz besonderes, was uns zum Staunen bringt: Wie kann man Leiden und Behinderung in solcher Gelassenheit ertragen, wie sie es oft tun? Gerade dadurch zeigen sie uns aber, wie wertvoll sie und ihre Botschaft für uns sind. Kommen wir zurück zu unserem scheinbaren Unvermögen unseren Kranken wirklich zu helfen. Können wir nicht doch viel mehr bewirken, als wir denken? Was braucht es denn, um als Helfer oder Helferin in Lourdes tätig zu sein?

Es sind eigentlich zwei Dinge, ohne die es nicht geht: Das erste ist die Kompetenz: d.h. mir müssen fähig sein oder fähig gemacht werden, die uns zugewiesene Aufgabe zu erfüllen. Das heisst aber auch immer, bereit zu sein zu lernen. Das zweite ist die Berufung: jemand ruft uns und wir antworten darauf. In diesem Fall eben mit ja. Liebe Mitglieder der KPV, ich will im folgenden versuchen, Ihnen zu zeigen, wie Sie helfen können.

Die Medizin konzentriert viel ihrer Energie, auf die Krankheit, die ein Mensch hat. Wir Ärzte wurden auch so gelehrt, darauf unser besonderes Augenmerk zu richten. So muss sich der Arzt vordergründig um die kranken Organe und die Folgen dieser Krankheiten kümmern. Die Person als ganze, der Mensch in seinen individuellen Lebensumständen spielen eben nur eine untergeordnete Rolle. Ebenso wenig die Gefühle, mit denen ein Mensch auf seine Erkrankung reagiert. Sie aber als Helfende, vor allem als Pflegende haben die einmalige Chance, nicht zwischen Person und Krankheit trennen zu müssen, denn denken Sie daran, der Kranke oder Behinderte Mensch ist ein Mensch:

Hier haben Sie alle die einmalige Chance, durch Zuwendung, Verständnis, Gespräche aber auch durch ihre kompetenten Handlungen helfend einzugreifen. Da bedeutet aber für Sie und mich und uns alle auch Freude und Zufriedenheit, wenn es uns gelingt, etwas für unsere Kranken zu erreichen und wir die Freude und Dankbarkeit auf ihren Gesichtern wahrnehmen können. Glauben Sie mir aber, diese Freude, die in unser eigenes Herz zurückkehrt ist das beste Rezept gegen das was ich im folgenden noch ansprechen möchte, nämlich das Burnout-Syndrom.

Ist Burnout eine Krankheit des 21. Jahrhunderts? Nein, wenn Sie so wollen, erscheint dieses Krankheitsbild schon vor Jahrtausenden, wenn man es auch damals natürlich nicht so genannt hat. Im alten Testament in 1. Könige 17-22 findet sich die Geschichte des Propheten Elias, der nach einer "Erfolgssträhne" vollbrachter Wunder und Siege beim Anzeichen einer drohenden Niederlage in tiefe Verzweiflung stürzt und eigentlich sterben möchte. Er verfällt in einen tiefen Schlaf. Früher nannte man dies die Eliasmüdigkeit.

So finden sich beim Burnout, wie diese Symptome seit einigen Jahren genannt werden:

Es finden sich so, wenn man etwas nachforscht, etwa 130 Symptome, angefangen mit Hyperaktivität, Widerwillen, Überdruss, Lustlosigkeit, schwindende Selbstachtung, innere Unruhe etc. Sie sehen schon, man kann diese Krankheit eigentlich nicht genau beschreiben, sondern braucht dazu eine Vielzahl an Begriffen. Am ehesten könnte man es noch als Zustand innerer Leere - eben "ausgebrannt" beschreiben. Wenn Sie nun aber die Symptome so anschauen, werden Sie feststellen, dass die meisten von uns schon zumindest die Anfänge dieses Krankheitsbildes erlebt haben. Grundsätzlich gilt denn auch:

Suchen wir vielleicht doch noch etwas nach den unmittelbaren Ursachen des Übels. Hier finden sich vor allem zwei verschiedene Situationen:

Diese Situationen können zu einem ausserordentlichen Leidensdruck führen, vor allem, wenn sie lange dauern. Natürlich könnte man sie unter Umständen ändern, aber dies würde z.B. heissen, dass man völlig neu beginnen müsste oder weniger verdient oder vieles andere. Zudem müsste man sich eine Niederlage eingestehen. So wird das Ganze dann eben zur Falle und ein Ausbruchsversuch ist zum Scheitern verurteilt. Etwas kann man aber mit Sicherheit sagen: Burnout bricht nicht plötzlich aus, es ist ein langwieriger Prozess, es muss so einiges passiert sein. Oft findet sich eine Kette von Frustrationen und Misserfolgen (beruflichen und privaten). Burnout kann aber auch in jeder Phase stoppen, z.B. wenn sich die Umstände ändern.

Das Folgende dürfen Sie nun nicht zu ernst nehmen, wenn es auch viele Wahrheiten enthält.

Burnout leichtgemacht. Eine Anleitung in einigen Schritten:
1. Arbeite soviel und so lange wie möglich!
2. Nimm dir höchstens einmal im Jahr Ferien!
3. Glaube fest daran, dass Du unersetzlich bist!
4. Sei nicht an deinem eigenen Wohlergehen interessiert!
5. Lebe dein Leben ohne Freunde, Partner und Familie!

Bei solchen Vorraussetzungen, vor allem wenn mehrere zusammenkommen, ist allerdings die Entstehung eines Burnout-Syndroms programmiert. Was kann gegen ein Burnout getan werden? Einige Strategien:

Sie sehen also, liebe Mitglieder der Krankenpflegevereinigung: so schnell geht das nicht mit dem Burnout. Burnout ist eine Entwicklung, ein Prozess. Die Chance, dass Sie wegen der Belastungen in Lourdes ein Burnout bekommen. ist etwa gleich 0. Sollte es denn aber in Lourdes ausbrechen, so ist das dann eben das Tüpfelchen aufs i, das noch gefehlt hat. Ich habe versucht, Ihnen einige Rezepte zu geben, wie man es bekommen könnte, aber auch wie man es vermeidet oder dagegen ankämpfen kann.

Mass und Vernunft in Bezug auf sich selbst , Ausgleich zwischen Belastung und Musse sind wohl die wichtigsten Dinge, die uns helfen diese Dauererschöpfung zu vermeiden. Lourdes ist bei aller Anstrengung und harter Arbeit ein möglicher Weg dazu, denn die Arbeit die wir dort tun lässt eben Freude in unseren Herzen entstehen und diese dient wieder einmal zur Verhinderung eines Burnout.

Nun wurde ich auch noch gebeten, ein paar Worte zu meiner ganz persönlichen Beziehung zu Lourdes und insbesondere zur Grotte von Massabielle zu sagen. Ich will dieser Bitte gerne nachkommen.

Ich denke, die wenigsten von Ihnen kennen meine, resp. die Geschichte meiner Familie. Ich habe diese für uns ganz besondere Geschichte in einem Büchlein aufgezeichnet. Es heisst: "Das Licht der Wahrheit / Weg einer Familie in die katholische Kirche" und ist im VDM Verlag unter der Nummer ISBN 3865501710 erschienen.

Mein erster Kontakt mit Lourdes und mit Ihnen geht auf das Jahr 1998 zurück. Ich will Ihnen dazu gerne einen kleinen Abschnitt aus meinem Buch wiedergeben, weil es meines Erachtens meine Eindrücke am besten wiedergibt. Die Gefühle von damals (1998) sind aber die selben geblieben und wiederholen sich immer wieder aufs Neue. Sie betreffen einmal unsere Kranken, dann Sie liebe Mitglieder der Krankenpflegevereinigung und Helfende, dann aber auch den Ort Lourdes, Bernadette und eben die Grotte von Massabielle.

Zitat: " Was mich ab allem Anfang sehr beeindruckte war die Haltung der Geduld und Gelassenheit mit der sehr viele unserer Kranken und zum Teil schwer Behinderten ihre Leiden trugen und angenommen hatten. Als Gesunder, der sich zu oft über unwesentliche Kleinigkeiten des Alltags ärgern kann, war man richtig beschämt."

"Vorbild waren und sind auch die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer, die mit Freude und Hingabe den Kranken eine ganze Woche dienten (Es gibt dafür keine bessere Bezeichnung oder einen treffenderen Begriff). Wie ich später erfahren durfte, tun sie dies nicht nur unentgeltlich, sondern bezahlen auch noch ihre Wallfahrt zum grössten Teil selbst und müssen für diese Zeit auch noch Ferien beziehen. Ein solcher Dienst der gelebten Nächstenliebe beeindruckte mich sehr."

" Was war nun das Besondere an Lourdes? Was könnte dieses einfache kleine Mädchen Bernadette Soubirous, das als es die Botschaften Marias erhielt noch nicht einmal Lesen und Schreiben konnte uns heute sagen und bedeuten? So begann ich mich mit dem Phänomen Lourdes auseinander zu setzen, mit den Botschaften der Gottesmutter Maria und der Leidensgeschichte des kleinen Mädchens, das, so eine Aussage Mariens: Nicht in dieser Welt glücklich werden sollte, wohl aber in der Jenseitigen".

Was mich beeindruckte, war die Demut und die innere Überzeugung, mit welcher Bernadette allen Zweiflern (und deren gab es viele), aber auch die Gelassenheit, mit der sie allen Anfeindungen entgegentrat. Nur ein tiefer Glaube, ja eine ausserordentliche Überzeugung konnten dies bewirkt haben. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben an der Grotte stand, überkam mich erneut dieser tiefe innere Friede und in einem Moment die Gewissheit, die ich schon einmal im Petersdom in Rom erlebt hatte: "Hier ist etwas ganz Besonderes, was menschliche Intelligenz und Weisheit nicht fassen können, und wofür es keine rationale Erklärung gibt. Für den Einen ist es eine nicht einmal künstlerisch hochstehende Steinfigur, für den Andern eben ein heiliger Ort. Wenn man es aber spürt, ist es Gnade, ein besonderer Gnadenbeweis Gottes, der nicht jedem zuteil wird. Wohl nur, oder mit Sicherheit nur denen, die dafür offen und bereit sind. Ich denke, wir alle spüren dieses Besondere, diese besondere Gnade in Lourdes und so kehren wir eben immer wieder dorthin zurück.

Damit liebe Mitglieder der Krankenpflegevereinigung enden meine Ausführungen. Lassen Sie mich enden mit einem zentralen Satz unseres heiligen Vaters, der wohl am ehesten Richtschnur sein kann, auch wenn uns Krankheit schon getroffen hat oder noch treffen sollte: "Wer glaubt ist nie allein".

Dr. med. Jürg Berchtold