... und de Dir avertraute Seele
So lautet das Thema, das mir vorgegeben wurde. Ich möchte es in einem Dreischritt angehen: Zunächst wollen wir diese Themenvorgabe etwas genauer anschauen, um dann im Mittelteil im Blick auf Maria Wesentliches für unser Thema zu entdecken. Ausklingen oder ausschwingen soll das kleine Referat mit dem "let it be" von Elton John. "Let it be", "lass es sein, lass es geschehen" - in diese gläubige Unbesorgtheit sollen die folgenden Ausführungen münden.
1. Zwei Vorfragen
"Heb Sorg"!? In der Regel ist das ein wohlgemeinter Rat, ein liebevolles Wort auf den Weg, ein freundschaftlicher Wink. "Heb Sorg"!
- das sagen Eltern ihren Kindern, die sich auf den Schulweg machen
- das hören wir vielleicht vor einer grösseren Reise oder Wanderung
- dazu mahnt ein besorgter Freund oder PartnerIn, "heb Sorg und schaff nöd zvill…"
"Heb Sorg" - könnt Ihr Euch vorstellen, dass dieses Wort auch ungute Gefühle auslösen kann? Ehrlich gesagt, mich hat dieser sorgenvolle Hinweis, eventuell noch verbunden mit der Frage, "wie gaht's Dir, heb Dir Sorg"…. schon gestört, zumindest verunsichert: Sehe ich denn so schlecht und bemitleidenswert aus? Darf und soll ich mir denn keine Sorgen machen bezüglich der wachsenden Kluft von arm und reich, der Bewahrung der Schöpfung, der Glaubensweitergabe an die nächste Generation usw.? Und darf man mir diese Sorgen nicht auch anmerken? Darf ein Christ keine Sorgenfalten im Gesicht haben, sondern stets nur strahlen? Muss ich schauen und darauf bedacht sein, mich möglichst nie zu verausgaben, um noch mit 65 fit und fröhlich das Pensionsalter zu erreichen?
Ihr merkt vielleicht, worauf ich hinauswill, zu was ich provozieren möchte. Es gibt nicht nur die Gefahr unnötiger, falscher oder zu vieler Sorgen, die uns am Leben hindern. Es gibt auch die Tendenz, sich der existenziellen Fragen und Nöte unserer Zeit und des Lebens überhaupt zu entledigen, sie der um sich greifenden Wellness-Mentalität zu opfern! Sorgenfalten sind nicht schön und passen nicht zum modernen Ideal von jung, fit und schön.
"Heb Sorg" - diese fürsorgliche Einladung kann zu einer Lebenshaltung ausarten oder entarten, die sich möglichst raushält, nichts wirklich an sich heranlässt.
"Heb Sorg" - ja, es gibt nicht nur erdrückende Sorgen. Es gibt auch eine Form von Sorglosigkeit, die nichts mit der biblischen Zusagen zu tun hat: "Werft all eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch". (1 Petr 5,7) Gott unsere Sorgen anvertrauen, übergeben, können wir nur, wenn wir sie kennen, wahrnehmen, schon einmal bereit waren, in die Hand und auf uns zu nehmen.
"Dini Seel"?! Nun ist im Referatstitel ja nicht von irgendwelchen Sorgen, sondern der Sorge um meine Seele und die Seele der Anderen die Rede! Wie steht es um diese Sorge? Haben sich die bisherigen Ausführungen nicht etwas stark, gar einseitig um irdische und globale Sorgen gedreht, anstatt das ewige Seelenheil? Um dieses sollen wir uns doch sorgen, alles andere ist zweitrangig!?
An dieser Stelle, besser gesagt, bei dieser Versuchung, zwischen leiblicher und seelischer Dimension, zwischen weltlichen und himmlischen Sorgen, zwischen persönlichem Seelenheil und globalem Frieden vorschnell zu trennen oder zu gewichten, zitiere ich gerne aus dem ersten Lehrschreiben unseres Papstes Benedikt XVI. In seinem Schreiben "Deus caritas est" - "Gott ist Liebe" führt er im ersten Hauptteil aus, wie unlösbar Gottes- und Nächstenliebe zusammengehören, und zur Verfasstheit des Menschen gehört, dass er aus Leib und Seele gefügt ist.
"Der Mensch wird dann ganz er selbst, wenn Leib und Seele zu innerer Einheit finden. Wenn der Mensch nur Geist sein will und den Leib sozusagen als bloss animalisches Erbe abtun möchte, verlieren Geist und Leib ihre Würde. Und wenn er den Geist leugnet und so die Materie, den Körper, als alleinige Wirklichkeit ansieht, verliert er wiederum seine Grösse. - Demgegenüber hat der christliche Glaube immer den Menschen als das zweieinige Wesen angesehen, in dem Geist und Materie ineinander greifen und beide gerade so einen neuen Adel erfahren." (S. 10f)
Das ist eine sehr ganzheitliche Sicht vom Menschen und eine umfassende Antwort auf die Frage nach der richtigen Sorge. Es ist auch eine deutliche Absage z.B. an eine Frömmigkeit, die ausschliesslich das eigene Seelengärtlein pflegt und sich mitnichten um Fragen zur Schöpfung, der Gerechtigkeit und des Friedens kümmert! Als leib-seelische Wesen, für die diese Welt nicht bloss ein gottverlassener Warteraum auf die Ewigkeit, sondern gottgeschenkter Lebensraum darstellt - werden wir die Seelsorge nicht von der alltäglichen Sorge um das leibliche Wohl und das Wohlergehen aller trennen können.
Damit sind wir bereit, unser Thema vertieft anzugehen und einen Schritt weiter zu gehen. Denn aus dem mir vorgeschlagenen Referatsthema "Heb Sorg zu dinere Seel und dä dir avertraute Seele" höre ich eine Sorge, eine Erfahrung heraus. Besonders Menschen in helfenden Berufen resp. dem Wunsch für andere da zu sein, können sich verausgaben, selber aus dem Gleichgewicht geraten und sogar krank werden. Wir reden heutzutage vom Burnout-Syndrom, das sich oft schleichend einstellt. Umsowichtiger wird da die Früherkennung resp. Prophylaxe.
Zu dieser gehört einmal grundlegend das Eingeständnis, dass es auch mich treffen kann; dass auch ich nicht über unbegrenzte Kräfte und Reserven verfüge, Grenzen habe, die nicht ungestraft überschritten werden dürfen.
Dann aber, und das mag zunächst verwunderlich tönen, kann der Blick auf Maria zu einer echten Burnout-Prophylaxe werden. Das möchte ich im folgenden zweiten Teil näher ausführen, angeregt durch eine kleine Schrift von Henri J.M. Nouwen "Unser heiliges Zentrum finden". Darin beschreibt er in sehr persönlichen und schlichten Worten, wie Maria für ihn zu einer mütterlichen Begleiterin zum inneren Zentrum wurde, zum Ort, in dem Jesus in mir/uns wohnt. Das heilige Zentrum, die eigene Mitte finden - der Blick darauf und ein Leben daraus wird uns gerade in der andauernden Verausgabung, die ins Ausgebranntsein führen kann, genommen! Was also ist zu tun, wenn wir das Gefühl haben, nicht mehr zu leben, nur noch gelebt zu werden, wenn uns die Sorgen über den Kopf wachsen; tagsüber zum/zur Gejagten machen und nachts nicht schlafen lassen? Was hilft uns da der Blick auf Maria?
2. Sorgen - im Blick auf Maria
Der Blick auf Maria kann uns zu der Quelle in uns führen, die nie versiegt, die Gott heisst. Denn gesunde Marienverehrung bleibt nicht bei ihr stehen. Dies ist gut biblisch-mystische Tradition, wonach uns Maria in ihrem ganzen Sein auf das tiefste Geheimnis unseres Menschseins verweist; die Gottesgeburt in uns, das göttliche Kind in uns.
Wer fühlt sich nicht schon beim blossen Gedanken daran wie verjüngt, belebt?! Dafür steht Maria. An ihr dürfen wir ablesen, dass in uns allen mehr steckt, dass unsere wahre Identität nicht im Pass oder sonst einem Ausweis steht, sondern im Taufschein - der uns bescheinigt: "Du bist Gottes geliebtes Geschöpf. Es ist gut, dass es Dich gibt - selbst dann, wenn Du nicht alles gut machst. Du bist gut, so wie Du bist. In und trotz aller Trübungen und Betrübtheiten deines Lebens gibt es einen Raum, wo alles klar, hell, rein ist und bleibt. Es ist Christus, das göttliche Kind in Dir!"
So kann der Blick auf Maria zur Quelle eines neuen Selbstbewusstseins und Handelns werden. Solange und sobald wir in Berührung sind mit dem Kind in uns, sind wir eher davor gefeit, ins falsche Erwachsensein zu fallen. Dieses muss sich und andern ständig beweisen, dass es etwas ist. Das falsche Erwachsensein meint, zuerst aus sich etwas machen, erfolgreich und leistungsstark sein zu müssen, um etwas zu gelten. Dieses meint ständig, anderen helfen und sie heilen zu müssen. Dagegen schreibt Henri Nouwen: "Wir brauchen Maria, um den Weg zur Freude und zum Frieden der Kinder Gottes zu finden". (S. 26) Und er lässt Maria zu uns sagen: "Hört auf zu streiten, hört auf zu kämpfen, hört auf zu zweifeln, hört auf zu zögern. Kommt mit mir, immer tiefer hinein ins Zentrum Eures Seins. Dort werdet ihr herausfinden, wer ihr wirklich seid: das Lieblingskind Gottes, Jesu Bruder oder Schwester, der Tempel des Heiligen Geistes". (S. 28)
Gibt es ein stärkeres Gegenbild, fast hätte ich gesagt, Gegengift zum Ausgebranntsein, wie die Verheissung, Tempel des Geistes - oder darf ich sagen - Gebär-Raum für Gott zu sein?
Damit eröffnet der Blick auf Maria ein zweites Bild, das wir uns ebenso aneignen sollen. Sie, die Mutter des Kindes, wird ja auch zur Mutter des Schmerzensmannes! Krippe und Kreuz gehören zu ihrem Lebens- und Glaubensweg. Gebären, zur Welt bringen, wie wir sagen - das bringt die Welt in Blick. Dieser dürfen wir uns nicht verschliessen. Noch einmal Henri Nouwen: "Schaut auf Maria, wie sie den Leichnam ihres Sohnes umfängt. An ihr können wir erkennen, dass wir berufen sind, auch unsere Arme für die Leidenden zu öffnen…". (s. 29) Und wie Maria am Kreuzweg können wir das Leid nicht abwenden, aber wenigstens uns nicht abwenden vom Leidenden und so die Gewissheit stärken, dass es einen Weg durch das Leid gibt, der zur Verherrlichung Gottes führt.
Wer das Kind umfangen will, wird auch den Gekreuzigten umfangen müssen; der eine Christus lässt sich nicht teilen. Anders gesagt: Der Geist der Gotteskindschaft zeigt sich in der gelebten Solidarität, einer mitfühlenden Liebe, der es das Herz bricht über so viel Leid und Ungerechtigkeit in der Welt. - Aber ist hiermit der Weg in die Ueberforderung, das Ausgebranntsein nicht geradezu vorprogrammiert?
Lassen Sie mich mit einem Gleichnis aus Afrika antworten: "Das ist keine Last"
Auf einem steilen, felsigen Pfad begegnete mir ein junges Mädchen, das seinen kleinen Bruder auf dem Rücken trug. "Mein Kind", rief ich aus, "du trägst aber eine schwere Last!" - Es schaute mich an und sagte: "Das ist keine Last, das ist mein Bruder." - Sprachlos blieb ich stehen. Das Wort dieses Kindes hat sich tief in mein Herz eingegraben. Und wenn die Last der Menschen mich niederdrückt, so dass ich fast den Mut verliere, dann kommt mir das Wort des Mädchens in den Sinn: "Dies ist keine Last, die du da trägst, das ist dein Bruder!"
Es ist keine Last, er ist mein Bruder!
Mich bewegt diese Geschichte, weil sie noch einmal zeigt, dass gelebte Solidarität nicht nur eine Kräftefrage, vielmehr eine Einstellungsfrage ist. Anders gesagt, wessen Geistes Kind wir sind, d.h. wie weit wir uns als Kinder des einen Vaters sehen, zeigt sich am Mass gelebter Solidarität. Deren Masseinheit ist variabel: währenddem für die einen das Boot längst voll scheint, ist für andere noch viel Platz für weitere… Währenddem die einen von Ueberfremdung reden, wird der Fremde für andere zum Freund.
Es ist keine Last, er ist mein Bruder!
Auch eine solche solidarische Haltung stösst an ihre Grenzen. Das soll nicht verschwiegen werden. Uebrigens steht das Bild Mariens auch dafür: für eine Frau, die an ihre Grenzen stösst, die zur Ueberforderten wird, von der die Gnade trotzdem nicht lässt.
Damals in Jerusalem z.B. als sie den Zwölfjährigen drei Tage vergeblich suchten und schliesslich im Tempel fanden, bricht es aus Maria hervor: "Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht". (Lk 2,48) Da spricht eine mit funkelnden Augen und erregter Stimme vor Jesus stehende Maria - auch das ein Marienbild!
Unter dem Kreuz wird sie nichts mehr sagen, wird sie zur Mutter eines Mannes, der den Verbrechertod stirbt. Da gibt es nichts zu beschönigen. Da ist auch sie am Ende. Was hat all ihre Sorge gebracht? - Vom Kreuz herunter hört sie ein letztes Wort: "Frau, siehe, dein Sohn!" (Joh 19,26)
Sie hat nicht ausgesorgt, nun gilt ihre mütterliche Fürsorge neuen Söhnen und Töchtern, uns allen.
3. Ein Lied: "Let it be"
Ich komme zum Schluss und möchte die Frage nach einer sinnvollen Seel-sorge bei sich und für andere mit einem weltberühmten Lied der Beatles abrunden: "Let it be".
Dort heisst es u.a.: "Wenn ich manchmal in Schwierigkeiten bin, kommt Mutter Maria zu mir und spricht Worte der Weisheit: Lass gut sein! In meinen dunklen Stunden steht sie direkt vor mir und flüstert mir Worte der Weisheit zu: Lass gut sein!"
"Let it be". Das ist keine Einladung, alles zu belassen, wie es ist. Sich abfinden mit allem, entspricht nicht dem Geist des Evangeliums Jesu Christi. Dieser hat sogar dem Tod widerstanden.
"Let it be". Diese Worte werden erst richtig sinnvoll auf dem Hintergrund, dass Gott alles ins Dasein ruft und gut heisst. In diesem Vertrauen dürfen wir dann alles, sogar unsere ungelösten Fragen gut sein lassen… auf dass Gott auch dahinein sein Wort spricht: "Es werde!"
"Let it be". Da stossen wir an das Geheimnis gläubiger Unbesorgtheit, wie sie in den wunderbar-verwunderlichen Sätzen einer jüdischen Philosophin aufscheint. Ich möchte Simone Weil, das letzte Wort geben:
"Warum also sollte ich mir Sorgen machen?
Es ist nicht meine Angelegenheit, an mich zu denken.
Meine Angelegenheit ist es, an Gott zu denken.
Es ist Gottes Sache, an mich zu denken."
Pfarrer Stefan Staubli