Anna Bosia ist Mitglied bei der Ospitalità Diocesana Ticinese, der Lourdeshelfer-Vereinigung aus dem italienischsprachigen Teil der Schweiz. Das nachfolgende Zeugnis gab sie anlässlich des 3. Kongress Hospitalités Suisse, bei dem sich sämtliche Schweizer Lourdeshelfer-Vereinigungen zu einem Gedankenaustausch unter dem Motto «Lourdes leben – Zeugnis geben» in Einsiedeln zusammengefunden hatten.

Anna Bosia

Wenn ich behaupte, dass die in Lourdes verbrachte Woche für mich die wertvollste des ganzen Jahres war, sehe ich Bestürzung im Blick meiner Gesprächspartner. Vielleicht fragen Sie sich, was eine junge Person von 26 Jahren, gesund und reich an glücklichen Dingen im Leben, an so einem Ort begeistern kann, der soviel Leid und Krankheit birgt. Vielleicht hätte ich mich das Gleiche gefragt, bevor ich zum ersten Mal den Zug bestieg, mit nicht viel mehr als Neugier ausgerüstet.

Was habe ich denn gefunden? Meine Antwort: das wahre Leben! Ja, das wahre Leben in verkrüppelten Händen, in steifen Beinen und in Augen ohne Licht. Das wahre Leben, das sich im Nächsten widerspiegelt, wer auch immer er sei.

Enttäuscht von vielen falschen Freundschaften und bitteren Erfahrungen, konnte ich die bedingungslose Bereitschaft erleben. Am Ufer der Gave bin ich mir selber begegnet, mir selber ohne die Maske der Alltäglichkeit, ohne Beruf, ohne Studien-Titel, ohne symbolischen Status, ohne Schminke und Absätze. Meiner Person in ihrem wahren Wesen. Und die Leute liebten mich. Welch bestürzende Entdeckung. Lourdes ist an mir hängen geblieben. Das erlebe ich heute noch. Von welch anderen wichtigen Erfahrungen können wir das behaupten? Das erste Jahr bin ich abgereist in der Überzeugung, eine Woche Volontariat zu verbringen im Dienst am Nächsten: ich habe mir nicht im Entferntesten vorgestellt, dass dieses Erleben zu einem Brennpunkt meiner Existenz werden würde.

Lourdes bedeutet für mich eine grundlegende, moralische, ethische und spirituelle Etappe meines Wachstums. Wenn ich nachdenke, was ich erlebt habe, hallen in meinem Herzen Lächeln, Stimmen, Gebete und auch leise Klagen wider. Ich werde sie auch nie vergessen, jene Person, die mich fragte "Warum kann ich nicht sterben?", oder eine andere, die mit zitternden, geöffneten Händen das heilige Öl des Kranken-Sakramentes erwartete. Wie kann man da gleichgültig bleiben? All’ dies kann deine Prioritäten ändern und verpflichten dich, über Probleme und Aufgaben nachzudenken, die du als Feigling gerne zur Seite schieben würdest.

Es ist nicht einfach, zum Alltag zurück zu kehren, der dich zwingt, Termine und Checklisten zu respektieren, wenn du erfahren hast, Augen zu sein für jene, die nicht sehen, Beine zu haben für jene, die nicht mehr gehen können! Vielleicht ist es gerade dies, was ich auf meiner Lebensreise mit mir führe. Das Bedürfnis, diese Wahrheiten und starken Emotionen des Alltags in Lourdes zu den meinigen zu machen in einem Alltag, der so anders ist. So fühle ich mich verpflichtet, zu hinterfragen, was für mich wirklich wichtig ist. Es ist sehr anspruchsvoll, diese Empfindungen zu hüten und sie zu bewahren vor den tausenden Konventionen des Lebens.

In Lourdes scheint alles einen Sinn zu haben, auch solche Situationen, welche dir sonst unbegreiflich scheinen können. Ich befand mich in Situationen, die ich unter anderen Umständen als Überforderung empfunden hätte, weil sie meine Möglichkeiten und Fähigkeiten überstiegen. In Lourdes lernst du jedoch, dass kein Dienst dir unangepasst ist, auch nicht der abstossendste, weil du ihn im Moment, wo er dich fordert, mit Lächeln erfüllst, als wäre es das, was du seit jeher tust.

Wenn du dann etwas traurig, vielleicht mit Tränen in den Augen, aus dem Zug steigst, bist du überzeugt, dass alles einen Sinn hat und versuchst, dir nichts aus der Hand fallen zu lassen. Ich versuche, nicht die Gewissheit zu verlieren, dass ich mich im Schatten der Pyrenäen als Weltbürgerin fühle, als Schwester der irländischen Helferin wie auch des Kranken aus Sizilien und anderswo.

Lourdes, Städtchen ohne Grenzen, das mich lehrt, mich jedem nahe zu fühlen im Alltag, dem Freund wie dem Drogenabhängigen, dem Ausländer wie dem Kollegen, dem Industriellen wie dem Homosexuellen.

Lourdes ruft mich auf zu lächeln, auch wenn ich ein verschlossenes Gesicht, ein ungutes Wort, Intoleranz und Gleichgültigkeit vor mir habe.

Lourdes zwingt mich, zu danken für meine Gesundheit und dass ich auf jener Seite der Erde geboren bin, wo man nicht wegen einer Grippe oder seiner Ansichten stirbt.

Zu danken für eine wunderbare Mutter und eine wunderbare Familie. Dankbar zu sein, weil ich gerade in Lourdes besondere Menschen getroffen habe, die es verstanden haben, mir das Vertrauen in meinen Nächsten wiederzugeben. Einige von ihnen haben mich an die Hand genommen und hin zu neuen karitativen Erfahrungen begleitet, die es mir jetzt erlauben, wahrzunehmen, dass Lourdes für mich nicht einfach eine einmalige Erfahrung bleibt. Die Freunde von Lourdes haben mich gelehrt, wieder an jene wahre, unentgeltliche Freundschaft zu glauben.

Mit diesen Worten habe ich nicht den Anspruch, etwas Neues zu sagen. Ich habe nicht besonders von mir sprechen wollen, weil man gerade in Lourdes nur ein einfacher Mensch ist, der sich dem anderen ohne Etikette schenkt, ohne beruflichen Titel oder einen sozialen Status. Ich habe nur versucht, darzustellen, dass eine Wallfahrt nicht eine Erfahrung ist, nur jenen reserviert, die schon einen soliden Glaubensweg hinter sich haben oder die sich schon jahrelang mit karitativen Erfahrungen konfrontieren.

Ich wünsche mir, dass es mir gelungen ist, zu beweisen, dass Maria auch jungen Menschen nahe ist, die eingefügt sind in einer materialistischen Gesellschaft in der die Selbstbestätigung die einzige Priorität zu sein scheint.

Ich bin eine von diesen jungen Personen, die innerlich wächst und ihren Weg geht in dieser schwierigen Welt, ein Mädchen, wie viele andere, die versucht, in Demut das weiter zu schenken, das sie in Lourdes empfangen hat.

Anna Bosia