Als schwerkranker Mann unternahm Br. Leo Schwager im Frühjahr 1952 seine erste Wallfahrt nach Lourdes. Dabei wurde er von einem Augenblick auf den anderen von Multipler Sklerose im Endstadium geheilt. Nach seiner Heilung, die als erste und bisher einzige eines Schweizers von der Kirche als Wunder anerkannt wurde, setzte er sich während mehr als 50 Jahren unermüdlich für die Wallfahrt der Interdiözesanen Lourdeswallfahrt der Deutschen und Rätoromanischen Schweiz ein. Als Mitglied unserer Vereinigung absolvierte er insgesamt 47 Dienstjahre. Das nachfolgende Zeugnis gab er im Herbst 2003, ein halbes Jahr vor seinem Tod.
Ich möchte Ihnen in kurzen Sätzen erzählen, was ich im Jahr 1952 in Lourdes erlebt habe. 1945 absolvierte ich den Militärdienst und hatte dort einen Unfall, anschliessend noch Diphtherie. Schon vor dem Eintritt in das Militär habe ich mich bei den Benediktiner Missionaren angemeldet zum Eintritt. So bin ich dann 1945 im Herbst dort eingetreten und musste aber meinen Obern bereits am Anfang sagen, dass ich mich noch nicht ganz gesund fühle. Ich habe im Kloster meine Arbeit verrichtet als Koch, und anstatt dass die Beschwerden zurückgegangen wären, sind sie eher stärker geworden. Am Ende des Noviziates wurde ich dann im Kantonsspital in Fribourg gründlich untersucht. Man fand keine Anzeichen einer Krankheit und so hat man alles einfach auf den Unfall und die Diphtherie im Militär zurückgeschoben. Zudem sagte man: „Sie sind ja noch jung. Das wird dann schon wieder besser." So habe ich dann 1947 die ersten Gelübde für drei Jahre abgelegt.
In der folgenden Zeit haben sich dann aber die Beschwerden vermehrt. Als erstes alarmierendes Zeichen kam die Doppelsichtigkeit. Ich habe sofort den Augenarzt aufgesucht, habe Spritzen bekommen, Augenbäder gemacht. In ein paar Tagen war alles verschwunden und ich konnte meine Arbeit wieder aufnehmen. Nach einigen Wochen hat sich das Gleiche wiederholt. Und so ging es dann weiter. Immer wieder in kurzen Abständen kamen die Beschwerden wieder zurück. Dann stellten sich auch Sprachschwierigkeiten ein. Die Mitbrüder sagten zu mir: „Man versteht dich fast nicht mehr. Was hast du denn?" Und ich selber hatte das Gefühl, wie wenn man mir mit einem Löffel auf die Zunge drücken würde. Aber auch diese Beschwerden – ein paar Tage, dann waren sie wieder weg. Und so ging es dann eigentlich weiter und es stellte sich auch ziemlich schnell – wenn ich so beim Spaziergang war – Ermüdung fest.
So kam dann 1950 der Tag, an dem ich mich eigentlich für immer ans Kloster – an das Missionskloster – binden sollte. Da hatte ich schwere Bedenken. Denn ich wollte ja in die Mission gehen und nun musste ich mir sagen: „ Ich bin ja ein kranker Mann. Ich bin im Kloster eher zur Last als eine Hilfe. Was soll ich tun?" So habe ich mich dann mit meinem Obern gründlich besprochen und wurde dann noch einmal im Spital gründlich untersucht. Aber auch da fand man keine Krankheit heraus. Auch da kam wieder der Spruch: „Diphtherie, Unfall". Der Obere gab mir dann den Rat: „Bruder Leo, machen Sie ruhig die Profess für ewig. Der liebe Gott wird schon sorgen." Und so habe ich dann am 8. Dezember 1950 die ewigen Gelübde abgelegt, mich also für immer ans Kloster gebunden.
Kurz nachher kam eine schwere Störung. Während der Vesper wurde ich links total gelähmt, bin zusammengebrochen. Zuerst meinte man, es sei ein Schlaganfall. Das hat sich dann aber nicht so herausgestellt, sondern nach einigen Tagen unter ärztlicher Behandlung konnte ich wieder einigermassen gehen. Ich konnte auch wieder sprechen – was vorher nicht mehr der Fall war – es hat sich also wieder einigermassen erholt. Ich konnte aber meine Arbeit nicht mehr voll tun.
So ging es dann das nächste Jahr weiter. Die Störungen kamen häufiger, gingen nicht mehr ganz weg. Ich hatte immer Beschwerden beim Gehen, beim Sprechen, beim Sehen und 1951 hat dann der Obere zu mir gesagt: „Jetzt wollen wir doch endlich wissen, was los ist" – und hat mich nach Zürich ins Spital Theodosianum geschickt. Dort wurde ich wieder gründlich untersucht und nach ungefähr drei Wochen stellte der dortige Arzt, Dr. Lüthold, fest: Multiple Sklerose im fortgeschrittenen Stadium. Er hat dies dem Oberen mitgeteilt und zugleich um die Erlaubnis gebeten, mich zur Erhärtung seiner Diagnose in das Universitätsspital nach Zürich zu überweisen. Der Obere war selbstverständlich sofort einverstanden und so kam ich dann eben in die Universitätsklinik in Zürich zu Prof. Dr. Krayenbühl. Wiederum nach ungefähr drei Wochen stellte er die gleiche Diagnose wie Dr. Lüthold: Multiple Sklerose in fortgeschrittenem Stadium – ein Pflegefall.
Die Mitbrüder haben dann unter sich beraten, was sie machen sollen und haben dann entschieden, mich heim zu nehmen ins Kloster und mich dort zu pflegen. Ich hatte eine sehr gute Pflege im Kloster.
1952 im Frühjahr kam der Obere zu mir ins Zimmer und sagte: „Bruder Leo, diese Nacht ist mir etwas in den Sinn gekommen. Ich schicke Sie nach Lourdes. Ihnen kann nur noch der Liebe Gott helfen auf die Fürbitte der Mutter Gottes." Innerlich hatte ich sehr Freude, dass ich nach Lourdes gehen durfte. Aber ich konnte es nicht zeigen. Ich konnte nicht sprechen, ich konnte nichts sagen. Auch die inneren Organe waren in diesem Zeitpunkt stark angegriffen. Ich konnte fast nichts mehr essen: etwas Weizenkeime, Fruchtsaft, hie und da ein rohes Ei. Das war so meine Kost, die ich noch ertragen habe.
So kam dann der Zeitpunkt zur Lourdes-Wallfahrt. Ich wurde am 28. April 1952 in den Pilgerzug der deutschsprachigen Schweiz eingeladen und nach fast 24 Stunden Bahnfahrt sind wir in Lourdes angekommen. Wir Kranke wurden im Accueil Notre Dame de Lourdes untergebracht. Damals waren noch die grossen Säle mit fünfzig Betten in einem Saal. Mich legten sie ins erste Bett in diesem grossen Saal.
Am folgenden Morgen hatten wir Gottesdienst an der Grotte. Nach dem Gottesdienst wurde ich weggeführt und ins Bad gebracht. Das Bad im Quellwasser von der Grotte ging vorbei. Ich habe meine Krankheit wieder mit hinaus genommen.
Nach dem Mittagessen, am Nachmittag, hatten wir wieder Gottesdienst an der Grotte, Rosenkranz und Predigt. Als die Kranken zur Grotte gefahren wurden, wurde jeder gefragt, ob er am Vormittag schon gebadet hätte oder nicht. Ich konnte keine Antwort geben und so hat man mich dann einfach zu den Kranken hingestellt, die noch nicht gebadet hatten. So kam ich dann an diesem Nachmittag kurz vor vier Uhr noch ein zweites Mal in dieses Bad. Aber auch dieses Bad ging vorbei. Die Krankheit blieb an mir haften. Und ich war so müde, ich hatte so grosse Schmerzen und wäre so gern heimgefahren worden ins Spital Notre Dame de Lourdes. Aber ich konnte nicht sprechen, ich konnte nicht einmal ein Zeichen geben, weil die Glieder so gelähmt waren. Und so hat der gute Mann, der meinen Wagen gestossen hat, mich einfach auf den Rosenkranzplatz gefahren, wo die Kranken aufgestellt wurden für den Krankensegen. In meinem Innern habe ich gedacht: „Nun in Gottes Namen, das wirst du jetzt auch noch aushalten."
An diesem Tag hat Kardinal Gerlier von Lyon den Krankensegen erteilt. Ich war ungefähr im letzten Drittel bei den Kranken in der vordersten Reihe. Als der Kardinal mit dem Allerheiligsten mit der Monstranz den Segen gerade vor mir spendete, da ging es wie ein Schlag durch meinen ganzen Körper vom Kopf bis zum Fuss. Und mir wurde schwarz. Ich wusste von nichts mehr. Mein letzter Gedanke war noch: „So, jetzt kannst du sterben." Plötzlich merkte ich, dass ich auf den Knien vor dem Bischof auf den Füssen war. Sofort kam einer unserer Schweizer Ärzte, hat mich an der Schulter gehalten und gefragt: „Bruder Leo, was ist los mit Ihnen?" Und ich konnte ihm spontan zur Antwort geben: „Mir geht es gut, ich bin gesund." Und ich habe mich wirklich ganz wohl gefühlt, wie neu geboren. Der Arzt hat sich neben mich hingekniet. Der Kardinal hat den Segen weitergegeben. Der Arzt und ich sind so geblieben, bis der Kardinal mit dem Allerheiligsten in die Rosenkranzkirche zurückging. Dann bin ich aufgestanden, ohne mich irgendwo zu halten, und bin mit ihm, mit dem Arzt, zurückgegangen ins Accueil. Dort haben die Ärzte sofort einen Untersuch gemacht und haben aber keine Anzeichen von dieser Krankheit mehr gefunden.
In der folgenden Nacht habe ich allerdings nicht schlafen können vor lauter Freude und ich habe gebetet und gedankt. Morgens um fünf Uhr war ich bereits in der Spitalkapelle in der heiligen Messe. Nach der heiligen Messe kam wieder einer unserer Schweizer Ärzte und hat mich gefragt: „Wie geht es, Bruder Leo? Gut geschlafen?" Da habe ich gesagt: „Nein, geschlafen habe ich nicht, aber es geht mir gut und jetzt habe ich Hunger, jetzt wird gegessen!" Da hat der Arzt mich dann darauf aufmerksam gemacht, dass ich längere Zeit jetzt überhaupt fast nichts mehr essen konnte und dass ich also ganz sorgfältig anfangen müsse damit und nur kleine Portionen und immer wieder mal etwas zu mir nehmen. Das sei eine natürliche Umstellung des Magens. Ich habe ihm dann zur Antwort gegeben: „Nein, nein, jetzt habe ich Hunger, jetzt wird gegessen. Die Mutter Gottes hat nichts Halbes gemacht!" Und so bin ich dann in unsere Schweizer Diätküche gegangen und habe dort gegessen, was ich gefunden habe: Butter und Käse, Brot und Fleisch und was mir halt in die Finger gekommen war. Ich hatte einen Riesen-Appetit und hab wirklich hineingeschaufelt. Aber es hat mir gar nichts gemacht.
Morgens um acht Uhr musste ich dann vor das Ärztebüro. Dort war vorne ein Tisch. Da war der Bischof , Bischof Caminada, und Dr. Leurant, der damalige Chefarzt des Konstatierungsbüros. Dann kam eine kleine Bank, da sass ich drauf und auf der anderen Seite waren achtzehn Ärzte und die haben mich also von morgens acht Uhr bis mittags zwölf Uhr nur ausgefragt. Wie die Krankheit angegangen sei, was ich im Zeitpunkt der Heilung bemerkt hätte, und so weiter. Und jeder Arzt konnte die Frage auf seine Art und Weise stellen. Sie gingen hauptsächlich darauf aus, zu erspüren, ob irgendwelche Widersprüche da sind oder ob irgendwelche Zeichen von Hysterie da sind. Dann haben sie auch noch drei Zeugen befragt, die in unmittelbarer Nähe waren: ein Arzt, eine Krankenschwester, die gleich hinter mir gestanden ist, und eine Kranke, die neben mir gelegen hat. Und alle drei haben bezeugt, was sie gesehen haben in dem Augenblick, als die Heilung geschah. Sie haben gesagt, dass es wie eine Feder losgesprungen wäre und mich einfach vornüber aus dem Wagen geschleudert hätte direkt auf die Knie. Also nicht zuerst abstehen und dann niederknien. Nein, in einem Schwung wäre ich da hinausgeflogen. Am Mittag haben die Ärzte mir dann gratuliert und gesagt, sie möchten diesen Fall weiterverfolgen und ich müsse mich, wenn ich nach Hause komme, bei den gleichen Ärzten, die die Diagnose gestellt hatten, wieder melden und mich wieder untersuchen lassen.
Am folgenden Morgen habe ich bereits den grossen Kreuzweg gemacht in Lourdes und hernach bei den Kranken mitgeholfen.
Als ich heimkam, konnten die Mitbrüder natürlich fast nicht glauben, als ich gesund und munter aus dem Zug ausgestiegen bin, denn sie wollten mich mit dem Krankenwagen abholen am Bahnhof. Nach ungefähr einer Woche bin ich wieder nach Zürich gefahren und Dr. Krayenbühl hat wieder mit den gleichen Methoden wie vor der Heilung die Untersuchung gemacht und nichts mehr gefunden von Multiple Sklerose.
In den folgenden Jahren musste ich mich wieder jedes Jahr dem Ärztebüro stellen und auch kirchlich wurde das weiterverfolgt. 1959 hat dann das internationale Ärztebüro in Paris ein Bulletin herausgegeben, dass sie diese plötzliche Heilung medizinisch nicht erklären können und dass es die natürlichen Grenzen überschreite. Die kirchlichen Behörden, der Bischof, hat wieder eine Kommission noch eingesetzt von Ärzten und Theologen und 1960 hat dann der Bischof Charrière von Fribourg einen Hirtenbrief herausgegeben und darin diese plötzliche Heilung von Multipler Sklerose auch kirchlich als Wunder anerkannt. Das war damals die 57. Heilung, die kirchlich und medizinisch anerkannt worden ist seit das Ärztebüro besteht.
Ja zu sagen zur Gesundheit, das geht leicht. Aber ja zu sagen zu seiner Krankheit, das braucht ausserordentlich grosse Gnaden, dass jemand diese Kraft hat. Aber solche Wunder geschehen viele in Lourdes – und die werden nicht bekannt. Auch jene nicht, die im Beichtstuhl geschehen.
Ich hoffe, dass ich in Ihnen mit meinem Zeugnis die Liebe zur Muttergottes und den Glauben an die Gegenwart Christi in der Eucharistie etwas stärken durfte.
Maria mit dem Kinde lieb uns allen deinen Segen gib!
Br. Leo Schwager OSB

