Seit über 100 Jahren fahren wir im Frühling mit dem Zug (ca. 300 liegende Patienten im Sanitätswagen, sowie 2000-3000 Pilger) in die Pyrenäen zur Mutter Gottes nach Lourdes. 10-12 Ärzte (ein eingespieltes Team von Allgemeinärzten und Spezialisten), sowie 300-400 motivierte Krankenschwestern- und Pfleger/innen mit grosser Berufserfahrung begleiten diese vier Züge und betreuen Kranke und Pilger in einem neuen und modernen Spital direkt neben dem heiligen Bezirk. Alle Altersgruppen sind vertreten. Speziell bereichernd für alle Teilnehmer sind behinderte und kranke Kinder oder auch schwerkranke Kinder und Jugendliche. Wenn Sie in leuchtende Augenpaare von leidgeprüften Kindern geschaut haben, werden sie diesen Eindruck nie mehr vergessen und er wird Ihr eigenes Leben bereichern, mehr als wenn Sie im Lotto eine Million gewonnen haben. Die Kernaufgabe unserer Wallfahrt ist es, körperlich und geistig behinderten Menschen aller Altersstufen eine intensive Woche fernab vom Alltag zu ermöglichen, wo «Zeit füreinander haben» bedeutungsvoll ist, wo Gemeinschaft und Kameradschaft intensiv gepflegt werden. Selten anderswo auf dieser Welt habe ich ähnlich intensive, bereichernde Gespräche erleben dürfen wie in Lourdes.
An der Grotte zu sitzen, dem Fluss Gave zu lauschen oder abends tausende von Kerzen in Bewegung zu sehen, kann mehr Energie für Körper und Geist speichern als Vitamine, Birchermüesli oder eine Wellnesswoche.
Auch unter uns Ärzten und beim Krankenpflegepersonal wird immer wieder von «Wundern» berichtet, wo Menschen in Not und Verzweiflung plötzlich Ruhe gefunden haben, ihr Schicksal akzeptieren konnten, mit einem Lächeln im Gesicht, das uns Gesunde fast beschämt. Man wird dann sehr klein und sehr froh für jeden Tag, an dem man aufstehen kann und die Alltagspflichten erfüllen darf.
Auch der starke gute Geist von Bruder Leo Schwager, der vor 50 Jahren in Lourdes geheilt worden ist und in diesem Jahr 80-jährig verstorben ist, wirkt weiter. (Bei der letzten Präsidentenkonferenz vom 9. 9. 2004 war er im Raum geradezu anwesend.) So hoffen wir, dass wir im Namen unserer Kranken und Behinderten nochmals 100 Jahre und mehr alljährlich im Frühling zur Mutter Gottes und zu Bernadette nach Lourdes reisen dürfen.
Ich bin froh, dass es Lourdes gibt, speziell in der modernen Zeit, wo Schranken/ Grenzen fallen, wo Traditionen verschwinden, die Hektik den Alltag bestimmt, wo Menschen zur Konsum- und Wegwerfware degradiert werden.
Dr. med. Emil Pfister